Richard taylor psychologe
Richard Taylor: Sehr gut. Ich war so müde, dass ich die ganze Nacht durchgeschlafen habe. Sonst stehe ich meist um vier oder fünf Uhr auf. Leute mit Demenz schlafen schlecht, machen aber tagsüber mehr. Das ist die schöne Seite. Mir wird gesagt, dass ich vor einem Jahr schon einmal in Zürich war, um einen Vortrag zu halten. Das kann höchstens für zwei, drei Tage gewesen sein.
Machen Sie ruhig weiter. Sie dürfen einfach nicht beleidigt sein, wenn ich etwas vergessen habe. War ich schon einmal in der Schweiz oder nicht? So etwas fragt man Leute mit Demenz normalerweise nicht.
Leben mit Alzheimer: "Opa, da ist wieder dein Alzheimer!": Spektrum der Wissenschaft
Doch das ist falsch. Nehmen Sie keine Rücksicht, fordern Sie mich heraus, das habe ich gern. Vor allem schaut man mir nicht mehr in die Augen. Man fragt mich auch kaum normales Zeug wie: «Richard, wie geht es dir heute? Hat dir das Frühstück geschmeckt? In Amerika nennen wir das «the long goodbye», den langen Abschied.
Himmel, ich bin doch immer noch da! Heute Morgen habe ich echte Berner Kühe beobachtet. Ich schlummere nicht einfach weg. Klar kann ich nicht mehr so gut lesen. Aber wenn man anfängt, mir alles vorzulesen, werde ich bald tatsächlich nicht mehr lesen können. Höchstens fünf Minuten. Leute mit Demenz verlieren nicht die Fähigkeit zu lesen. Sie verlieren das Interesse. Vielleicht lese ich den Titel, oder einen Abschnitt.
Nach zwei, drei Sätzen habe ich bereits etwas Neues im Kopf. Das ist frustrierend.
Leben mit Alzheimer: Opa, da ist wieder dein Alzheimer!
Früher, als Psychologe, gab ich andern Leuten schlaue Ratschläge. Heute sollte ich mir selber den Rat geben: Richard, höre auf, die Seiten so schnell zu blättern, so kannst du doch gar nicht lesen. Konzentriere dich! Und mach mal eine Pause, du redest zu viel! Ich darf nicht mehr Auto fahren. Ich kann nicht mehr mit Geld umgehen, weil ich Rechnungen entweder zwei Mal oder kein Mal bezahle.
Richard Taylor – Demenzkranker | NZZ
Ich weiss nicht mehr, was ich am Abend zuvor im TV sah. Was war Ihre Frage? Ach ja, ich musste meinen Beruf aufgeben. Ich machte den Fehler, an der Universität meinem Dekan zu sagen, dass ich eine Demenz habe, möglicherweise vom Typ Alzheimer. Aber nur eine milde Form, kein Problem. Ich war fest überzeugt, als Professor meine Vorlesungen weiter halten zu können, vielleicht mit etwas Assistenz.
Dann wurde ich gefeuert. Und nur weil ich dem Dekan diese kleine Information preisgab. Er war ein Freund von mir. Doch sobald er etwas von Demenz hörte, war ich jemand anders für ihn. Als ich die Diagnose erhielt, sagte man mir, die durchschnittliche Lebensdauer betrage noch zehn Jahre. Ein Todesurteil, ausgesprochen vor genau zehn Jahren.
Heute sitze ich hier und lache darüber. Klar, ich vergesse viel, bin oft verwirrt, verwechsle manche Dinge, begreife Kompliziertes nicht mehr so schnell. Alles Symptome von Alzheimer. Aber alles gehört auch zum normalen Älterwerden. Deswegen erschrecken die Leute, wenn sie die Diagnose erhalten. Das ist der berühmte «Alzheimer-Moment». Von einem Moment zum andern ist alles anders, und du wirst stigmatisiert.
Das ist lustig. Wer nicht mehr über sich selber lachen kann, nimmt sich zu wichtig. Stellen Sie mir weitere Fragen! Ich werde in einem Stuhl sitzen, stumm vor mich hin dämmern, aber ansonsten nicht viel merken. Es geht abwärts und abwärts. Das wissen alle, die Alzheimer haben. Aber es geht langsam abwärts. Die Leute um uns, die kein Alzheimer haben, sehen nur das Ende und meinen, wir «leiden» an Alzheimer.
Welch ein Unsinn! Ich leide nicht, physisch tut mir gar nichts weh. Ich empfinde psychischen Schmerz im Herz und im Geist rund um die Frage: Wie kann ich im Hier und Jetzt noch ein glückliches, aufregendes Leben führen? Als mir der Neurologe sagte, ich hätte Demenz, sassen meine Frau und mein Bruder im Raum. Wir sagten kein Wort. Beim Heimfahren sprachen wir immer noch kein Wort.
Als ich aus dem Auto stieg, begann ich zu weinen. Drei Wochen lang weinte ich, drei Wochen lang. Ich bin ein ziemlich guter Psychologe, aber ich fand nie heraus, warum ich so lange geweint habe. War es die Angst, ich werde die Kontrolle über mich selbst verlieren? Oder war es die Idee, ich könnte zweimal sterben? Das sagen doch alle: Jetzt stirbst du zweimal.
Zum Teufel, niemand kann zweimal sterben! An dieser Stelle legt Richard Taylor plötzliche eine Pause ein. Er stiert auf die Tischplatte. Wir warten. Dann redet er von neuem los. Meine Tante hatte Alzheimer. Als sie inkontinent wurde, steckte man sie in ein Heim. Zweimal in der Woche nahm ich den Zug nach Chicago, um ihr Babynahrung einzulöffeln. Sie sass in einem grossen Raum mit lauter Schizophrenen, so etwas verstand ich schon als Bub nicht.
Meine Tante war doch immer noch ein menschliches Wesen! Ihr Leben hatte noch eine Qualität und einen Sinn! Ich startete ein zweites Leben, indem ich mit Schreiben angefangen habe. Jeden Tag von drei Uhr nachmittags bis elf Uhr abends schreibe ich. Jeden Morgen lese ich nach, was ich am Tag zuvor geschrieben habe. Solange ich verstehe, was ich schreibe, weiss ich: Ich bin noch okay. Irgendwann begann ich, anderen Leuten zu zeigen, was ich so schreibe.
Die fanden das interessant. Daraus wurde ein Buch. Als es herauskam, wurde ich angefragt, einen Vortrag zu halten. Meine Familie wurde langsam müde, mir immer zuhören zu müssen. Der Fotograf fragt, ob Richard Taylor draussen vor dem Haus auf einen Felsen klettern kann. Selbstverständlich macht er mit. Oben angekommen, reisst er die Arme in die Luft: «Ich habe das Matterhorn bestiegen!
Linda Taylor: Was er nicht ausstehen kann, ist, wenn ein Arzt seine Fragen an mich richtet, während er dabeisitzt. Da fühlt er sich entmündigt. Ich arbeite als Krankenschwester, wir haben eine Hilfskraft.