Geschwister in patchworkfamilien psychologie
Das liegt auch an Benachteiligungen im Familien- und Steuerrecht. Und an schlechten Beziehungen. Für Patchwork-Kinder ist das Leben oft etwas schwieriger. Bild: Ernst Vikne CC-BY-SA MÜNCHEN taz Immer wenn Nora bei ihrem Papa zu Besuch ist, herrscht Ausnahmezustand. Der hat nämlich eine neue Frau, Tamara. Sie kommt mit der neunjährigen Nora nicht klar: "Das Kind ist verzogen und neurotisch", glaubt sie.
Nora hat mal wieder Kaugummis unter die Tische geklebt und ist selten bereit, im Haushalt mitzuhelfen. In der Schule ist Nora sehr schlecht geworden, auch die Lehrerin empfiehlt den Gang zum Kinderpsychologen, wenn sich die Wogen in der Patchworkfamilie nicht bald glätten. Patchworkfamilien, auch Stieffamilien genannt, gibt es immer häufiger. Und zwar, weil die Scheidungsrate seit den 60er Jahren ansteigt.
Mehr als die Hälfte der geschiedenen Eltern hat schon nach einem Jahr wieder einen neuen Partner. Etwa drei von zehn Kindern erleben darum bis zu ihrem Lebensjahr eine Patchwork-Konstellation. Es herrschte damals auch eine gewisse Euphorie hinsichtlich dieser neuen Lebensform, zumindest in gewissen Kreisen. Heute assoziieren die meisten Menschen Patchworkfamilien jedoch mit Chaos, viel Streitereien und unglücklichen Kindern.
Bunt und lustig — oder pures Chaos? Und auch die Wissenschaft bescheinigt Kindern aus Patchworkfamilien zahlreiche Nachteile: Patchworkkinder werden öfter Opfer von Misshandlung oder Vernachlässigung, sind häufiger psychisch auffällig, häufiger übergewichtig, Jugendliche haben öfter Schulprobleme und werden häufiger straffällig.
Aebi hat auch eine Erklärung dafür: "Die stärksten Bindungen an die Eltern bestehen in klassischen Familien, die schwächsten in Stieffamilien. Laut den Studien von Martin Daly und Margo Wilson, Evolutionspsychologen an der kanadischen Uni Hamilton, sterben Stiefkinder früher. Zudem haben die Forscher herausgefunden, dass 32 Prozent der Kinder, die bei mindestens einem Stiefelternteil leben, Opfer einer Misshandlung werden, dagegen nur 3 Prozent jener Kinder, die bei ihren leiblichen Eltern leben.
Probleme, Stress und Eifersucht in der Patchworkfamilie: Warum funktioniert es einfach nicht?
Stiefkinder zeigen doppelt so viele Verhaltsauffälligkeiten Für diese Phänomene haben Daly und Wilson evolutionsbiologische Erklärungen parat: Stiefeltern wollen lieber in die Weitergabe ihrer eigenen Gene investieren. Auch die Psyche leidet offensichtlich in Stieffamilien: So weisen Stiefkinder doppelt so häufig, etwa 20 Prozent, Verhaltensauffälligkeiten auf wie Kinder aus traditionellen Familien.
Der Neurologe und Psychiater Bertrand Flöttmann glaubt, dass eine verwöhnende Erziehung, Vernachlässigung und schmerzhafte Trennung beim Kind zu psychischen Störungen führen: "Darum zeigen Patchworkkinder eine erhöhte Aggressivität, neurotische Fehlhaltungen und verringerte soziale Kompetenz. Doch ist das Leben in Stieffamilien wirklich so düster, wie es diese Befunde glauben machen?
Klaus Hurrelmann, Soziologe an der Universität Bielefeld, meint dazu: "Man kann nicht leugnen, dass Kinder statistisch besehen etwas schlechter dastehen, wenn sie in Stieffamilien aufwachsen. Und ein nicht zu unterschätzender Anteil der Patchworkfamilien ist problematisch bis höchstproblematisch", meint Walter Bien, Soziologe am Deutschen Jugendinstitut.
Also alles so wie im richtigen Leben. Die Unterschiede sind auch eher gering. Laut der Shell-Jugendstudie leidet in Scheidungsfamilien das Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern — jedoch nur vorübergehend. Betroffene Jugendliche gaben an, dass sie zwar gelegentlich Meinungsverschiedenheiten mit den Eltern hätten, aber insgesamt gut mit ihnen auskämen.
Auch DJI-Studien zeigen, dass es nur geringfügig mehr Reibereien in Stieffamilien gibt. Die psychische Stabilität von Kindern hängt jedoch nicht vorrangig von der Familienform ab, sondern von vielen anderen Faktoren. So haben US-Studien ergeben, dass eine schlechte psychische Gesundheit bei Patchworkkindern vielmehr mit der Schwere von familiären Konflikten einhergeht.
Kinder in Patchworkfamilien müssen erst mal eine Trennung verarbeiten, die von vielen auch traumatisch erlebt wird.
Patchwork Konzepte: Beratung für Patchworkfamilien
Der Trennung gingen oft auch schon schwierige Jahre voraus. Dazu kommen zahlreiche Veränderungen in ihrem Lebensalltag, etwa neuer Wohnort, neue Schule, Stief- und Halbgeschwister und finanzielle Engpässe der Eltern. Ideologisch belastet Andererseits bietet auch die traditionelle Familie keinen Garantieschein für wohl geratenen Nachwuchs: "Es gibt keine gesicherten Beweise, dass die traditionelle Familie die bestmögliche Gewähr für eine glückliche und liebevolle Erziehung bietet", so Norbert Schneider, Familiensoziologe an der Universität Mainz.
Einige Studien weisen sogar im Gegenteil darauf hin, dass Kinder aus alternativen Familienformen eher in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, sensibler auf Diskriminierung reagieren und über flexiblere Rollenauffassungen von Frau und Mann verfügen. Es ist also immer eine Frage des "Wie".
Probleme mit Kindern in einer Patchworkfamilie | Beziehungszentrum
Und die DJI-Forscher haben aufgedeckt, dass es auch sehr darauf ankommt, wie gut der Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil ist. Das Thema ist und bleibt mit viel Ideologie behaftet. Bis heute wird die Kernfamilie auch von vielen Wissenschaftlern als einziger Ort von Ordnung und Stabilität sakralisiert, und das, obwohl die Studien dazu mittlerweile sehr differenziert sind.