Antwortkraft psychologie

Inhalt Inhalt Johannes Scherr Mirabeau und Marie Antoinette Ein Junkerkomplott Gefängnisleben zur Schreckenszeit Die Göttin der Vernunft Eine Mutter Gottes Weimar und Paris Das Rätsel des Tempels Für Thron und Altar Fichte Blücher Karoline von England Ein deutscher Dichter Der tote Millionenmann und die falsche Braut Der Dezemberschrecken Das Trauerspiel in Mexiko Mohammed und sein Werk Deutschland vor hundert Jahren Ein Memento Paris zur Schreckenszeit Der »grause« Zar 1.

Am April waren vom frühen Morgen an der Landweg und der Seeweg, welche von Triest nach dem Schlosse Miramar führen, durch Wagen und Boote ganz ungewöhnlich belebt. Es galt ein Lebewohl zu sagen und zu empfangen. Die Morgensonne lag golden und warm auf dem Blau der Adria, die Gestade standen in Blütenpracht. Ein Reisetag voll glücklicher Vorbedeutungen also.

Wie trügerisch sie waren, hat wohl keiner der Herren und keine der Damen geahnt, die in den Sälen von Miramar der Abschiedsgala beiwohnten, und wohl auch niemand unter der wimmelnden Menge, die neugierig die Zugänge des Schlosses umdrängte.

Ich kann nicht mehr: Trennung seit 1,5 Jahren: Seite 71

An der Spitze einer gemeinderätlichen Abordnung erschien der Bürgermeister von Triest und übergab eine mit 10 Unterschriften versehene Abschiedsadresse. Adressenhumbug gehört nun einmal in die zweite Hälfte des Denn diese Adresse enthielt ja nichts Kleineres als die angebliche, noch dazu »begeisterte« Volksabstimmung, kraft deren Maximilian zum Kaiser von Mexiko berufen wurde.

Das einzige nichttrügerische Omen dieses Apriltags. Nur mit Mühe konnte sodann das erzherzogliche Paar durch den menschenwimmelnden Hof und die Treppe zum Landungsplatz hinabgelangen. Es wurde auf diesem Gange mit Segensworten, mit Glückwünschen und mit einem Blumenregen förmlich überschüttet. Die Einschiffung ging vor sich, die Musikbanden der Schiffe spielten, ihre Breitseiten donnerten, vom Ufer her scholl langnachhallender Evvivaruf.

Die »Novara« setzte sich in Gang, gefolgt von der »Themis«, die den Schattenkaiser von Napoleons III. Gnaden eskortieren sollte, ach, jawohl »eskortieren«! Sie gab ja dem Werkzeug und Opfer napoleonischer Politik die Eskorte zu einem blutigen Grabe. Bei klarem Wetter und gutem Winde wurde das Adriatische Meer durchschifft und die Südspitze Italiens umfahren. April liefen die beiden Fregatten Civita Vecchia an.

Das erzherzogliche Paar ging mit seinem Reisegefolge ans Land, um einen Abstecher nach Rom zu machen. Aus persönlichen und politischen Gründen. Wir wissen nicht, ob sich dem Schattenkaiser die ganze Wucht, womit die französische Oberherrlichkeit von Anfang bis zum Ende auf dem von ihm unternommenen Abenteuer lastete, etwa schon bei der Landung in Civita Vecchia fühlbar gemacht habe.

So die Gräfin Kollonitz, welche von der Landungsszene sagt: »Von den Schiffen und Forts donnerten die Geschütze auf sinnverwirrende Art, und als wir das Land erreichten, bliesen und trommelten die Päpstlichen und die Franzosen um die Wette. In Rom hatten der Erzherzog und seine Frau während eines zweitägigen Aufenthalts allerhand kirchliche und weltliche Zeremonien durchzumachen.

Pius IX. Ob Maximilian dem Papst irgendeine auf Zurückerstattung der säkularisierten geistlichen Güter in Mexiko abzielende Zusage gemacht habe oder nicht, ist streitig. Der Katholizismus der indianischen Stammbevölkerung ist noch heute das alte, nur flüchtig-christlich überpinselte Aztekentum, während die spanisch-kreolische Einwohnerschaft, soweit sie in betreff der Religion nicht gänzlicher Gleichgültigkeit verfallen ist, ihrem religiösen Bedürfnis mittels Erfüllung der kirchlichen Zeremonien vollständig genug getan zu haben glaubt.

Von einem Papalismus im Sinne der Ultramontanen in Europa kann daher da drüben in Anahuak gar keine Rede sein. Nicht einmal bei der Klerisei. Diese gehört auf allen ihren Rangstufen unbestritten zu den bildungslosesten, zuchtlosesten und habgierigsten Pfaffheiten, welche jemals das Antlitz der Erde durch ihr Dasein besudelten. Die mexikanische Klerisei, die sich des bekannten guten Kirchenmagens in hohem Grade erfreute, verdaute ohne Beschwerde den Ertrag dieser »apostolischen Armut«.

Auch um den Papst nicht, wie denn Se. Am Abend des April schiffte sich der mit dem päpstlichen Segen ausgestattete Erzherzog wieder in Civita Vecchia ein, und vier Tage darauf hielten die »Novara« und die »Themis« im Hafen von Gibraltar Rast. Es war das italienische Kriegsschiff » Il galantuomo «, das durch Stürme mehrere Monate lang auf dem Atlantischen Meere umhergeworfen und kläglich zugerichtet worden war.

Und doch sollte das gebrechliche, obwohl fröhlich bewimpelte Fahrzeug der Illusion, auf welchem sie sich nach Atlantis eingeschifft hatten, von den Stürmen, die da drüben ihrer warteten, bis auf die letzte Planke zerstört werden. April hatte das kleine Geschwader Madeira in Sicht, und die Reisegesellschaft stattete der Insel einen kurzen Besuch ab.

Wie wunderlich doch die Menschen sind! Freilich, Prinzen sind nicht verpflichtet, mehr Logik im Leibe zu haben als andere Menschen; im Gegenteil! Der Prinz und die Prinzessin, diese armen » Emperadores « von Bonapartes, d. Einen ziemlich deutlichen Vorgeschmack tropischer Herrlichkeiten erfuhren die Reisenden während eines mehrtägigen Aufenthalts auf der Insel Martinique.

Die farbige Bevölkerung kam ihnen doch sehr farbig vor, farbig bis zum — Riechen. Mai durchfuhr die »Novara« die Meerenge zwischen dem Kap San Antonio auf Kuba und dem Vorgebirge Katoche, in das die Nordspitze von Yukatan ausläuft. Der Busen von Mexiko wurde binnen drei Tagen glücklich durchsegelt.

Aber der herrliche Schneeriese, der Pik von Orizaba, der Sternberg »Citlaltepetl« der Azteken leuchtete den Reisenden nicht vom Lande her entgegen. Er war, wie das ganze Land bis zum Meere herab, in Wolken gehüllt. Ein trauriger Anblick, nicht tröstlicher gemacht durch das Auftauchen des Gelbfiebernestes Veracruz aus seinen Sanddünen und Sümpfen. Am Nachmittag des Mai ging die »Novara« beim Fort San Juan d'Ulloa vor Anker.

Der »Emperador« war im Begriffe, sein Reich zu betreten und sein Volk kennenzulernen. Schon der Anblick der Küsten von Yukatan hatte die Spanier mit Staunen erfüllt; denn hier trat ihnen überall die Tatsache einer Kultur vor Augen, welche den politischen und sozialen Zuständen, die sie bislang in der Neuen Welt getroffen hatten, bei weitem überlegen war. Dieser unter den bis zur wildesten Grausamkeit, aber auch bis zur opferfreudigsten Hingebung religiös gestimmten und gesinnten Azteken heimische Quetzalkoatlmythus erklärt das Wunder der Eroberung Mexikos durch die Spanier zwar nicht ganz, aber doch zu einem guten Teil.

Andere Erklärungsgründe sind die kriegerische Genialität, die frevelhafte Skrupellosigkeit und todverachtende Entschlossenheit des Kortez, sowie seine in allen Wassern der schlauesten und gewissenlosesten Politik gewaschene Diplomatie, mittels welcher er Hunderttausende von Indianern, insbesondere die Heerhaufen der tapfern Tlaskalaner, unter sein Banner und gegen den herrschenden Stamm der Azteken in die Waffen brachte.

Das Reich Montezumas hatte übrigens keineswegs den Umfang des nachmaligen Vizekönigreichs Neuspanien oder gar der späteren Föderativrepublik Mexiko. Den Untersuchungen des alten Clavigero in seiner » Storia antica del Messico « zufolge, deren Resultate auch Prescott in seiner berühmten » History of the conquest of Mexico « I, 2 angenommen hat, reichte die Herrschaft der Azteken allerdings vom Atlantischen Meere bis zur Südsee, beschränkte sich jedoch an jenem auf das Gebiet zwischen dem Am Karfreitag April landete Hernando Kortez mit seiner Abenteurerbande gerade da, wo jetzt Veracruz steht.

Denn die Spanier spekulierten zu jener Zeit in Landfindungen und machten in Eroberungen, wie man heutzutage in Papieren spekuliert und in Kolonial- oder Manufakturwaren macht. Die Krone Spanien hatte bei diesen Spekulationen und Machenschaften nur die Rolle eines Kommanditärs inne, dem ein gewisser Anteil vom Reingewinn zukam.

Die Eroberung von Peru durch Pizarro war bekanntlich geradezu ein Aktienunternehmen, mit dem die spanische Kolonialregierung gar nichts zu tun hatte. Es war eine Zeit der fabelhaftesten Abenteuer. Dieser eiserne Mann, in welchem der spanische Nationalcharakter von damals in wahrhaft diabolischer Potenzierung zur Ausprägung kam, ist vielleicht der verwegenste und glänzendste Industrieritter gewesen, den es jemals gegeben hat.

Zur Rechten dunkelte die Sierra Madre mit ihrem Piniengürtel vor ihnen auf, gen Süden zu hob der majestätische Orizaba seinen firnschneebemantelten Leib aus der Andeskette heraus und sein Felsenhaupt mit der schimmernden Eiskrone himmelan. Ostwärts, schon weit hinter ihnen, blaute fernher der mexikanische Golf. Höher und immer höher hinauf wand sich der beschwerliche Pfad, längs der Seitenwände des ungeheuren Viereckberges aztek.

Nauhkampatepetl, span. Hier war jenes riesige Bauwerk der Neuen Welt, jene Pyramide aufgetürmt, auf deren abgestumpfter Plattform der dem Quetzalkoatl geweihte Tempel aztek. Alexander von Humboldt hat zu Anfang des Die Cholulaner waren eine rechte Wallfahrtortsbevölkerung, d. Und dieser Greuel geschah an einer Stelle, von welcher aus dem Menschenauge sich die prachtvollste Schau, die ihm werden kann, darbot und darbietet.

Wie damals die Spanier, so lassen auch heute noch alle Reisenden von der Höhe der Pyramidenruine herab ihre Blicke mit Entzücken über die herrliche Ebene von Puebla hinschweifen. Ein Zittern lief durch ganz Anahuak. Nach einem beschwerlichen Marsch durch die Sierra eröffnete sich den Spaniern plötzlich der Niederblick auf das porphyrwallumgürtete Tal von Tenochtitlan oder Mexiko.

Was haben diese tausendjährigen Stämme nicht alles mitangesehen! Die Einwanderung der Tolteken, dann die der Azteken in das Hochtal von Anahuak, die spanische Invasion und die Vertreibung der Spanier, das triumphierende Flattern des Sternenbanners der Union und das Wehen der französischen Trikolore. Beim Weitermarsch von da nach Iztapalapan, wo Kortez vor dem Einzug in Tenochtitlan zum letzenmal nächtigte, stieg die Verwunderung der Spanier über das, was sie ringsher sahen, immer höher, wie der ehrliche Bernal Diaz erzählt.

Am folgenden Tage 8. November zogen die Spanier in die Hauptstadt ein. Diese Stunde kam in der Nacht vom 1. Niemals hat sich des Eroberers heldische Kraft, niemals der spanische Mut besser bewährt als in den fürchterlichen Bedrängnissen der » noche triste «. Schon am Dezember konnte der unerschütterliche Konquistador an der Spitze von nahezu Spaniern, worunter 40 Reiter, und von verbündeten Indianern wiederum von Tlaskala her in das Hochtal von Mexiko einmarschieren und in der Stadt Tezkuko sein Hauptquartier aufschlagen, um zu der berühmten Belagerung von Tenochtitlan zu schreiten, deren Katastrophe man an Furchtbarkeit treffend mit der von Jerusalems Eroberung durch Titus verglichen hat.

Die zur Verzweiflung getriebenen Azteken wichen nur einem Feinde, der noch schrecklicher war als die »Teules«, dem Hunger; ja, nicht einmal diesem. August fiel der heroische Guatemozin, der letzte Aztekenkaiser, in die Hände der Spanier, und damit war der Widerstand der verhungerten Bewohner Tenochtitlans zu Ende. Die Stadt war nur noch ein Trümmerhaufen. Von ihren Bewohnern waren während der Belagerung nach der höchsten Schätzung , nach der niedrigsten umgekommen.

Kortez, später von Kaiser Karl V. Diese mittels des Systems der » Repartimientos «, d. Die indianische Bevölkerung wurde zwar dezimiert, aber doch nicht ausgerottet. In ihren Dörfern zusammengedrängt und unter ihren eigenen Obrigkeiten lebend, hat sie ihren spanischen Herren gegenüber einen passiven Widerstand von unbesieglicher Zähigkeit entwickelt.

Und nicht nur das.

Schauplatz Lektüre

Im Jahre war genau an der Stelle, wo das zerstörte Tenochtitlan gestanden, das neue Mexiko, die Hauptstadt von Neuspanien, schon so ziemlich fertig gebaut. Da, wo der kolossale Teokalli des Huitzilopotchli in die Lüfte geragt, erhob jetzt die dem heiligen Franziskus geweihte Kathedralkirche ihre prächtigen Steinmassen.

Im ehemaligen Park der aztekischen Kaiser wurde ein stattliches Franziskanerkloster erbaut und gerade gegenüber ein Palast für Kortez, der später der Sitz der Vizekönige geworden ist. Nach des Konquistadors Entfernung von der Regierung Neuspaniens nahm die spanische Kolonialpolitik mit ihrer ganzen Brutalität daselbst ihren Anfang, — ein System, innerhalb dessen Stupidität, Habsucht und Grausamkeit um die Palme der Infamie stritten, — ein System, das wie die spanischen Kolonien so auch das Mutterland selber zugrunde gerichtet hat.

Selbstverständlich taten sich die glaubenseinigen und glaubenseifrigen Spanier auf die »Bekehrung« der Eingeborenen viel zugute, ein Werk echtspanischer Frömmigkeit. Da, wo die Blutaltäre des aztekischen Obergottes geraucht hatten, rauchten jetzt die Scheiterhaufen der christlichen Inquisition. In religiöser Beziehung also kamen die Eingeborenen nicht aus dem gewohnten Geleise.

Ihre frommen Heidenpfaffen gaben fromme Christenpriester ab und fuhren fort —.