Psychologie h richter
Erweiterte Suche. Neues Konto. Passwort vergessen. Weiterleben nach Flucht und Trauma.
Autor: Forschung & Lehre
Frühkindliche Nahrungsverweigerung. Die kreative Bewältigung von Verzweiflung, Hass und Gewalt. Religion mit und ohne Gott. Heute vor fünf Jahren starb Horst-Eberhard Richter. Den Text »Ein unermüdlicher Mahner und Menschenfreund« von Roland Kaufhold finden Sie hier: www. Burger Hrsg. Zur Aktualität von Martin Buber, Dag Hammarskjöld und Horst-Eberhard Richter.
Er wirkte über fünf Jahrzehnte als psychoanalytischer Wissenschaftler und richtete sich zugleich mit seinen Publikationen an eine breite Leserschaft. Er betrieb eine Art »psychoanalytischer Volksaufklärung«, wie sie in den Anfängen der psychoanalytischen Bewegung zum Selbstverständnis vieler Psychoanalytiker gehörte.
Einer breiten Öffentlichkeit wurde er als unermüdlicher Autor psychoanalytisch-sozialpsychologischer Sachbücher bekannt, die in einem eingängigen und zugleich klaren Stil geschrieben waren. Ich lernte Horst-Eberhard Richter genau zu dem Zeitpunkt kennen, als er mit seinem politischen Engagement begann, nämlich Als jähriger Student der Psychologie begegnete ich ihm im Rahmen einer studentischen Initiativgruppe.
Mich faszinierte an Richter, dass er überzeugende Antworten auf eine Frage geben konnte, die meine Generation damals umtrieb: Wie lässt sich die Veränderung der Gesellschaft verbinden mit Selbstveränderung? Ich habe Horst-Eberhard Richter also in ganz unterschiedlichen Situationen und aus ganz verschiedenen Perspektiven erlebt. Am April in Berlin geboren, wuchs Horst-Eberhard Richter als Einzelkind auf.
Seine Mutter schilderte er als eine sehr emotionale Frau, die sich stark an ihn geklammert habe. Seinen Vater, ein erfolgreicher Ingenieur bei Siemens, erlebte Richter als »stillen, in sich gekehrten Grübler«. Nach dem Arbeitsdienst wurde Richter 18jährig zum Militär eingezogen und diente an der Front in Russland. Kurz vor der Verlegung seiner Truppe nach Stalingrad erkrankte er und entging so dem sichern Tod.
Mit 22 Jahren geriet er in Kriegsgefangenschaft und erfuhr erst bei seiner Rückkehr nach Berlin vom Tod seiner Eltern. Sie waren zwei Monate nach Kriegsende von zwei betrunkenen Russen auf grausame Weise ermordet worden. Trotz dieser traumatischen Erschütterung begann er mit viel Elan das Studium der Medizin, Philosophie und Psychologie in Berlin.
Noch als Student heiratete er und bekam mit seiner Frau Bergrun 3 Kinder. Parallel begann er seine psychoanalytische Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut. Zur Psychoanalyse der kindlichen Rolle in der Familie , das erschien. Schon als Kinderpsychotherapeut in einem Berliner Kinderkrankenhaus entwickelte Richter eine psychoanalytische Theorie, die das Fehlverhalten von Kindern als symptomatischen Ausdruck eines unbewussten Konfliktes verstand, an dem die Eltern bzw.
Freud an und erweitert sie um die beziehungsdynamische Dimension: Wir können auch unsere Mitmenschen dazu benutzen, unsere unbewussten Konflikte abzuwehren. Diese Form der Abwehr nannte Richter psychosoziale Abwehr. Dieser Gedanke ist seine entscheidende Neuerung. Viele psychische Störungen von Kindern sind dadurch bedingt, dass Eltern ihre Kinder zur »Erfüllung ihrer unbewussten Erwartungsphantasien« funktionalisieren.
Häufig findet man bereits vor der Geburt des Kindes sehr »differenzierte Phantasien der Eltern über die Position, die das Kind in der Familie einnehmen soll« ebd. Nicht um seiner selbst Willen geachtet zu werden, sondern nur als Mittel zum Zweck eingesetzt zu werden, beschädigt die Würde und den Selbstwert des Menschen und darum wird er krank. Das beziehungsdynamische Denken, das im übrigen den Grundgedanken der relationalen Psychoanalyse vorwegnahm, bildete die theoretische Grundlage von Richters ganzem weiteren Schaffen.
Welchem Thema er sich in den folgenden Jahrzehnten auch immer zuwenden sollte, seine Entdeckungen über die unbewusste psychologische Dynamik der Eltern-Kind-Beziehung bildeten eine verlässliche theoretische Basis, auf die er immer wieder zurückgriff. Beispielsweise basiert auch seine Analyse des Freund-Feind-Denkens in den internationalen Beziehungen auf diesem Konzept Richter ; Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre befand sich eine ganze Generation von Studierenden im Aufbruch und wollte sowohl die Gesellschaft revolutionieren als auch sich selbst.
Um die Idee der Gesellschafts- wie der Selbstveränderung zu praktizieren, gründeten die 68er Kinderläden und Kommunen und entwickelten das Konzept der antiautoritären Erziehung. Dazu gesellten sich dann Initiativgruppen, die in den verschiedensten sozialen Feldern, meist mit straffälligen Jugendlichen, Heimzöglingen, Obdachlosen und anderen sozialen Randgruppen, arbeiteten.
Er schloss sich der studentischen »Initiativgruppe Eulenkopf« an Wirth Als den Studenten deutlich wurde, wie schwerwiegend die Probleme mit den Kindern und Familien waren, wandten sie sich an Horst-Eberhard Richter mit der Bitte um psychoanalytische Supervision. Richter stieg voll ein. Wer heute, über 40 Jahre nach dem wir dieses Projekt ins Leben riefen, durch die Siedlung »Eulenkopf« geht und mit älteren Bewohnern spricht, wird feststellen, wie viel sich inzwischen zum Besseren entwickelt hat.
In seinen Büchern Die Gruppe , Lernziel Solidarität , Flüchten oder Standhalten und Engagierte Analysen griff er die Aufbruchstimmung der 70er Jahre auf, reflektierte aber auch die inneren Brüche, die überzogenen Ansprüche, die die Aktivisten an sich selbst und an andere stellten, und half auf diese Weise dabei, dass sie zu realistischeren politischen Konzepten kamen. Dies machte die damalige politische Bedeutung seiner Bücher aus.
Horst-Eberhard Richter nutzte seine freundschaftlichen Kontakte zu Willy Brandt, um die Expertenkommission durch eine ganze Gruppe von Psychoanalytikern zu ergänzen Richter b. Als sich Anfang der 80er Jahre die Auseinandersetzungen über die Nachrüstung zuspitzte, stiegen die Kriegsängste in der Bevölkerung nachweislich an.
Auch bei unseren Patienten registrierten wir eine Zunahme von Kriegsängsten. Horst-Eberhard Richter nahm diese Ängste ernst. Richter hingegen hob den Signalcharakter dieser Ängste hervor und interpretierte sie als Realängste. Psychotherapeutisch müsse man eher den »Mut zur Angst«, ein Begriff, den er von dem Philosophen Günter Anders übernahm, anerkennen oder gar fördern.
Juliane Richter
Auf die Frage, »Was macht uns krank? Zur Abwehr der Angst und zur Projektion der eigenen Feindseligkeit werden paranoide Feindbilder aufgebaut, die ganz nach dem Muster der psychosozialen Abwehrmechanismen verstanden werden können. Dies war der Auftakt zu seinem jahrzehntelangen Engagement in der Friedensbewegung, die damals freilich noch nicht existierte.
Auch hier war Richter am Puls der Zeit und ihr zugleich ein Stück voraus Richter ; Es scheint mir bei Richter ein grundlegendes Konzept zu sein, dass er nicht versuchte, psychoanalytische Gedanken zu propagieren und in die Gesellschaft zu tragen. Vielmehr griff er gesellschaftspolitisch brisante Themen und Bewegungen auf und bot seine psychoanalytische Kompetenz als Verständnishilfe und Reflexionsmethode an.
Sein friedenspolitisches Engagement auf internationaler Ebene brachte Richter auch in Kontakt mit einer Arbeitsgruppe unter der Schirmherrschaft von Michail Gorbatschow. Daraus entstand unser Buch »Russen und Deutsche. Alte Feindbilder weichen neuen Hoffnungen« Richter Die Ergebnisse, aber vor allem unsere persönlichen Gespräche mit den Moskauer Kollegen und ihren Familien machten uns klar, dass die Erinnerung an die deutschen Verbrechen der Nazi-Zeit die wichtigste Voraussetzung war, um den Willen zur Abrüstung glaubhaft vertreten zu können.
Und umgekehrt führte das aktive Eintreten für die Abschaffung der Atomwaffen geradezu zwangsläufig zu einer Konfrontation mit der Nazi-Zeit Wirth, Schürhoff Dialogisches Denken bei Horst-Eberhard Richter und Martin Buber Wenn man Richters Denken mit einem Begriff charakterisieren wollte, müsste man den Begriff des Dialogs wählen.
Richter war der Auffassung, dass der Mensch sich nur als Wesen denken lässt, das in Beziehung und Dialog eingebettet ist. Die gesamte Seinsweise des Menschen ist dialogisch. Richter entdeckte das Eingebettetsein des Menschen in soziale Beziehungen zunächst an den Krankheitssymptomen von Kindern und Jugendlichen. Bereits in einer seiner ersten familientherapeutischen Publikationen taucht der Begriff des Dialogs auf, nämlich in seinem Artikel Die dialogische Funktion der Magersucht Richter Richter charakterisiert das Verhalten der Magersüchtigen als »eine typische dialogische Interaktion mit der Mutter« ebd.
Er benennt die »Störung des Körperschemas« ebd. Richters »dialogisches Denken« wird in dem Artikel bereits voll entfaltet. Er erkennt die zentrale Bedeutung des Dialogs, ein Gedanke der ihn im weiteren Verlauf seiner wissenschaftlichen Karriere immer wichtiger werden sollte. Ausdrücklich grenzt er sich von allen Ansätzen ab, die »das gesamte psychische Geschehen auf die Binnenvorgänge des kranken Individuums reduzier[en]« ebd.
Richter hält nichts von theoretischen Konzepten, die »den Kampf der magersüchtigen Patientinnen als eine Auseinandersetzung mit ihren introjizierten Objekten beschreiben« ebd. Vielmehr betont er den Gesichtspunkt, »die leibhaftige Mutterfigur in der sozialen Realität [sei] ein effektiver Faktor im Magersucht-Geschehen« ebd. Dialog ist nicht nur die elementare Seinsweise des Menschen, sondern eben darum auch das grundlegende Mittel, um Konflikte zu lösen.
In gewisser Weise lag das dialogische Prinzip für Richter schon deshalb nahe, weil für den Beruf des Psychoanalytikers der Dialog das entscheidende, ja sogar das einzige Arbeitsinstrument darstellt. Allerdings impliziert eine psychoanalytische Betrachtung nicht zwangsläufig eine dialogische oder beziehungsdynamische Sichtweise. Sigmund Freud konzipierte seine psychoanalytische Behandlungsmethode zwar als »talking cure« und die Beziehungsdynamik zwischen Analytiker und Patient stellt das therapeutische Movens der Psychoanalyse dar, doch letztlich blieben Freud und viele seiner Nachfolger einem individualistischen Menschenbild verhaftet Wirth Um diesen wichtigen Punkt nochmals in anderen Worten zu sagen: Es bestreitet heute niemand mehr, dass der Mensch ein soziales Wesen ist.
Billardkugeln interagieren auch miteinander. Die Billardkugel ist nach einer Interaktion mit einer anderen Billardkugeln die gleiche wie vor dem Zusammentreffen. Viele soziologische und auch psychologische Theorien konstruieren den Menschen nach dem Muster von Billardkugeln. Sie betrachten den Menschen als ein — wie der Soziologe Norbert Elias das formuliert hat — homo clausus, ein Mensch im Gehäuse.
Richter hat sich oft und zustimmend auf Elias berufen und diese Existenzweise des Abgekapselt-Seins mit einem Schutzpanzer als psychopathologische Fehlentwicklung beschrieben. Der Mensch kann zwar versuchen, sich einen »Charakterpanzer« Reich zuzulegen und sich so zu verhalten, als könnte er seine Innenwelt vollständig von anderen abschirmen, aber dieses Selbstbild widerspricht seinem eigentlichen Wesen, das fundamental auf Beziehung und Dialog angelegt ist.
Der Rückzug in die Innenwelt der Seele ist ein Versuch, Beziehungskonflikten auszuweichen, ein Lösungsversuch, der letztlich misslingen muss, weil er dem dialogischen Wesen des Menschen widerspricht. Wird dieser Weg trotzdem beschritten, übernimmt das Symptom die »dialogische Funktion«, dem anderen das mitzuteilen, was sprachlich nicht mitgeteilt werden kann.
Wenn Menschen miteinander in einen Dialog treten, gehen sie aus diesem Dialog zwangsläufig als in irgend einer Weise verändert hervor. Interessanterweise kommt Martin Buber zu ganz ähnlichen Überlegungen wie Norbert Elias und Horst-Eberhard Richter, die sich bis hin zu den Formulierungen gleichen: »Jeder von uns steckt in einem Panzer, dessen Aufgabe es ist, die Zeichen abzuwehren.
Aber das Wagnis ist uns zu gefährlich, die lautlosen Donner scheinen uns mit Vernichtung zu drohen und wir vervollkommnen von Geschlecht zu Geschlecht den Schutzapparat. Jeder von uns steckt in einem Panzer, dem wir bald vor Gewöhnung nicht mehr spüren. Nur Augenblicke gibt es, die ihn durchdringen und die Seele zur Empfänglichkeit aufrühren« Buber , S. Die Menschenbilder von Buber, Elias und Richter stimmt darin überein, dass sie den Menschen als ein durch und durch soziales Wesen betrachten, das bis in die innersten Tiefen seiner Psyche durch den andern und die Beziehung zu ihm geprägt ist, ja sich überhaupt erst im Beziehungsdialog konstituiert.
Selbst die magersüchtige Jugendliche, die sich in ihre innere Welt zurückzieht, den Kontakt mit den Erwachsenen verweigert und sich ihren magersüchtigen Phantasien hingibt, befindet sich, ob sie will oder nicht, sogar noch mittels ihrer Symptome in einem dialogischen Austausch mit ihren nächsten Beziehungspersonen. Richter hatte anfangs die Beziehungsorientierung des Menschen vor allem im Hinblick auf die psychopathologischen Aspekte betrachtet.