Big five bild psychologie

Zwei US-Psychologen namens Gordon Allport und Henry Odbert ersannen im Jahr eine anfangs geradezu irrwitzig erscheinende Studie: Sie nahmen das umfangreichste auf dem Markt erhältliche Sprachlexikon zur Hand und schrieben sämtliche Begriffe auf, die menschliche Eigenschaften beschreiben. Die Forscher wollten herausfinden, wie viele unterschiedliche Facetten der Persönlichkeit es gibt, wie viele Eigenschaften das Wesen der Menschen aufweisen könne — und sie gingen davon aus, dass sich Charaktermerkmale zwangsläufig in der Sprache niederschlagen: dass sich also für alle Eigenschaften, die bedeutsam, interessant oder nützlich sind, im Laufe der Zeit spezielle Wörter entwickelt haben.

Und je bedeutsamer ein individuelles Merkmal sei — so die Überlegung der zwei Wissenschaftler —, desto wahrscheinlicher schien es, dass ein Wort dafür existiert. Mithilfe der Begriffssammlung müssten demnach alle relevanten Eigenschaften der Menschen abgedeckt sein. Tatsächlich standen am Ende der lexikalischen Analyse genau 17 Begriffe auf der Liste der Forscher. Viele dieser Definitionen umschrieben praktisch den gleichen Charakterzug — etwa die Wörter "hitzköpfig" und "jähzornig", "gesellig" und "kontaktfreudig".

Nach und nach reduzierten die Forscher daher die Zahl der Begriffe; sie fassten all jene Charakterisierungen zusammen, die Ähnliches bedeuten, und stellten zudem Eigenschaften in Gruppen auf, die voneinander abhängig sind, also zumeist bei Menschen gemeinsam auftreten. Denn statistische Analysen zeigten: Personen, die als gewissenhaft gelten, sind häufig auch verantwortungsvoll, zuverlässig, organisiert und sorgfältig.

Und wer häufig Angst hat, ist meist auch grüblerisch, empfindlich, nervös und verzagt. Auf diese Weise gelang es den Psychologen, die fast Es war zunächst ein rein sprachwissenschaftlicher Ansatz. Doch unter den meisten Fachleuten herrscht heute Einigkeit darüber, dass sich die vielen Facetten der menschlichen Persönlichkeit tatsächlich auf diese fünf Merkmale — die "Big Five" — reduzieren lassen, die bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sind und die in ihren jeweiligen Kombinationen jeden von uns individuell prägen.

Viele Psychologen nutzen das Big-Five-Modell — mit den Faktoren Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus —, um den Charakter von Menschen zu beschreiben:. Nach dem Big-Five-Modell in seiner hier beschriebenen klassischen Form existiert jeder dieser fünf Grundfaktoren unabhängig von den anderen und ist je nach Charakter mal mehr, mal weniger stark ausgebildet.

Jedem Menschen lässt sich auf jeder der fünf Persönlichkeitsachsen eine von fünf Positionen zuordnen. Tatsächlich aber ist es durchaus möglich, dass sich die Charaktermerkmale eines Menschen auf den verschiedenen Achsen an unterschiedlichen Enden wiederfinden. Man kann also durchaus zugleich spontan, chaotisch und rüde sein. Oder ewig nervös, kreativ und redselig. Damit haben Psychologen ein Modell geschaffen, mit dem sich der enorme Facettenreichtum an Charakteren systematisch erfassen — und zudem wissenschaftlich studieren lässt, um Fragen zu beantworten wie: Welche Kombinationen von Wesensmerkmalen sind am häufigsten?

Wie beeinflussen sie, ob jemand Erfolg im Beruf hat, wie leicht er Lebenszufriedenheit gewinnt oder wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass er sich gesund ernährt oder etwa kriminell wird? Zwar gibt es — wie bei wohl jedem psychologischen Modell — kritische Stimmen, die zum Beispiel anzweifeln, dass die fünf Persönlichkeitsfaktoren tatsächlich völlig überschneidungsfrei sind. Dennoch ist das Big-Five-Schema die bis heute bewährteste Grundlage der modernen Persönlichkeitsforschung.

Psychologen haben es in Tausenden von Studien angewendet. Doch wie entwickelt sich die jeweilige Persönlichkeit? Was ist auf unser genetisches Erbe zurückzuführen, was auf die jeweilige Sozialisation eines Menschen? Und lässt sich die Ausbildung mancher Merkmale im Laufe eines Lebens verändern?

Big Five unter Beschuss:

Denn Neurowissenschaftler versuchen, das Big-Five-Modell mit den Erkenntnissen der Hirnforschung in Einklang zu bringen. Dabei wollen sie vor allem herausfinden, ob es eine Verbindung zwischen den jeweiligen Persönlichkeitsmerkmalen und bestimmten biochemischen Botenstoffen im Gehirn gibt. Denn für Neurobiologen ist klar, dass sich der Hirnstoffwechsel von Mensch zu Mensch durchaus ein wenig unterscheidet — und mithin für die Ausprägung verschiedener Charaktermerkmale verantwortlich sein könnte.

Ein solcher Botenstoff ist zum Beispiel das Hormon Kortisol. Der Stoff Dopamin wiederum, der eine zentrale Rolle im körpereigenen Belohnungssystem spielt, fördert den Charakterzug Extraversion, macht Menschen geselliger, gesprächiger und offener. Wer viel davon im Blut hat, ist empfindsamer für seine Mitmenschen und grundsätzlich verträglicher und vertrauensvoller.

Universität Leipzig: Persönlichkeitstest

Weniger eindeutig scheinen die Zusammenhänge bei einem weiteren für die Gefühlsregulation wichtigen Botenstoff zu sein, dem Serotonin. Und der Stoff beeinflusst offenbar nicht ein Big-Five-Merkmal, sondern fast alle. Dennoch sind die bisherigen Erkenntnisse der Neuroforscher durchaus vielversprechend. Denn mit ihrer Hilfe lässt sich zunehmend besser verstehen, was die Persönlichkeit formt — und wie sie sich im Laufe eines Lebens entwickelt.

Die Forscher wissen heute, dass der Einfluss der Gene weitaus schwerer wiegt als lange gedacht. Rund die Hälfte der Persönlichkeitsmerkmale werden offenbar von den Eltern an ihre Kinder vererbt. Und es gibt bereits Beispiele dafür, wie einzelne Erbfaktoren Charakterzüge beeinflussen und zu den Unterschieden zwischen den Menschen beitragen. Nicht zufällig handelt es sich vor allem um jene Gene, die über komplexe Mechanismen die Aktivität der Botenstoffe Dopamin, Serotonin und Oxytocin regulieren und damit steuern, wie empathisch, ängstlich und sozial wir sind.

So gibt es beispielsweise ein Gen, das beeinflusst, wie schnell freigesetztes Sero- tonin nach Entfalten seiner Wirkung wieder abtransportiert wird. Bei einer Variante dieses Gens wird auf diese Weise die Wirkdauer des Botenstoffs stärker als gewöhnlich begrenzt. Die Folge: Wer diesen Erbfaktor von beiden Elternteilen mitbekommt, reagiert empfindlicher als andere auf seine Umwelt.

Wächst ein solches Kind in einer problematischen Umgebung auf, ist es später — einer Hypothese zufolge — sehr zurückhaltend, abwartend, bei Stress oft ängstlich. Dem Bremer Hirnforscher Gerhard Roth zufolge haben Gene und Hirnentwicklung zusammen rund 40 bis 50 Prozent Anteil an der späteren Persönlichkeit eines Menschen. Doch es kommen weitere Faktoren hinzu.

So kann starker Stress der Mutter während der Schwangerschaft die Wirkung von Genen und Botenstoffen für das ganze Leben des Ungeborenen modifizieren. Und in den ersten Lebensjahren hängt viel davon ab, wie liebevoll sich die Mutter oder andere Bezugspersonen kümmern und welche Bindungserfahrungen ein Kind macht. All diese frühen Faktoren bestimmen gemeinsam weitere rund 30 Prozent der jeweiligen Ausprägung der Big Five, so Gerhard Roth.

Erfahrungen im späteren Kindesalter und in der Pubertät formen bis zum Erwachsenenalter dann die verbleibenden 20 Prozent der Persönlichkeit. Wer mit seinem Charakter unzufrieden ist und den Wunsch nach Wesensveränderung spürt, der vermag zumindest manche Aspekte seiner Persönlichkeit auch noch in der zweiten Hälfte des Lebens subtil zu wandeln, wenn nicht im Kern, so doch innerhalb gewisser individueller Grenzen.

Manchen Erhebungen zufolge werden sie oft etwas gewissenhafter, stabiler im Umgang mit Emotionen, dazu verträglicher und geselliger. Vor allem aber: All das findet statt, ohne dass wir uns dafür sonderlich verbiegen müssen. Weiterlesen mit GEOplus. Monatlich kündbar. Mein Konto anmelden Meine Merkliste Digitales Magazin GEO Plus.

Services Shop Podcast Newsletter Gewinnspiele Spiele. Folgen Sie GEO auf Facebook Instagram Pinterest. Impressum Kontakt Datenschutzhinweise Datenschutz-Einstellungen Werbung Presse. Die Grundlagen des Wissens. Jeder Mensch hat einen ganz eigenen Charakter: Der eine mag neugierig und offen sein, ein anderer schüchtern und engstirnig, ein dritter chaotisch und ungezwungen.

Doch wieso haben wir alle ein individuelles Wesen — und wie entwickelt es sich im Laufe des Lebens? Psychologen und Hirnforscher versuchen mit Hilfe des Big-Five-Modells, das Rätsel der Persönlichkeit zu entschlüsseln. GEO Kompakt Nr. Dabei handelt es sich um ein Merkmal von Personen, die zu neuen Erfahrungen bereit sind, neugierig, an fremden Kulturen interessiert, fantasievoll und erfinderisch.

Sie suchen Aufregung und Abwechslung. Im Gegensatz dazu schätzen Menschen, bei denen dieser Wesenszug wenig ausgeprägt ist, Konventionen, sind eher einseitig interessiert, vorsichtig, bodenständig, setzen auf Bewährtes. Und lassen gern alles so, wie es ist. Zudem zeigen solche Menschen Ehrgeiz und streben gute Leistungen an.

Wem Gewissenhaftigkeit dagegen fehlt, der drückt sich um Verantwortung, pfuscht häufig, ist sorglos, unvorsichtig, nachlässig und vergesslich, leichtsinnig und sprunghaft. Extravertierte Menschen suchen Kontakt zu anderen, sind gesprächig, energisch, können begeistern und sind aktiv. All jene, die dieses Merkmal nur wenig ausgeprägt haben, neigen dazu, sich zurückzuziehen, sind eher ruhig, gern allein und arbeiten am liebsten unabhängig.

Sie machen durch ihre Schweigsamkeit nicht selten einen reservierten Eindruck und sind stark mit ihrer inneren Erlebniswelt beschäftigt. Verträgliche Menschen sind offenbar auch besonders empfänglich für Glücksmomente. Den Gegenpol dazu bilden Personen, die als kalt und mitunter streitsüchtig wahrgenommen werden, als undankbar, aggressiv im Wettbewerb, misstrauisch, wenig entgegenkommend und schroff im Ton.

Ist dieser Faktor stark ausgeprägt, handelt es sich um ängstliche, nervöse, labile Personen, die sich zudem oft Sorgen machen, schnell gekränkt sind, Schuldgefühle haben und sich gern selbst bemitleiden. Und kaum aus der Ruhe zu bringen. Psychologen nutzen das »Big Five«-Modell, um einen Charakter zu beschreiben.

Persönlichkeit

Danach lässt sich jede Persönlichkeit nach fünf Faktoren darunter »Gewissenhaftigkeit« und »Verträglichkeit« einordnen, und zwar auf einer Skala von »schwach ausgeprägt« bis »stark ausgeprägt«. So finden sich manche von uns auf der »Offenheit«- Skala weit links wieder »vielseitig interessiert« , andere besonders weit rechts »wenig offen für Neues«.

Aus den verschiedenen Positionen auf den fünf Skalen ergibt sich dann das individuelle Persönlichkeitsprofil. Interview Psychologie Experten-Tipps für mehr Harmonie: Wie löst man Konflikte, Herr Schulz von Thun? In Gesprächen zwischen Menschen entstehen immer auch Anlässe für Missverständnisse, Konflikte und Zerwürfnisse. Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun erklärt, wie wir uns am besten verständigen können — und wie wir mit der richtigen Art zu streiten zu einer "Harmonie höherer Ordnung" finden.

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