Raus aus dem tief psychologie heute
Chronische Depression: Hartnäckige Verstimmungen. Sandra M. In einer Talkshow schildert ein Psychiater typische Symptome einer Depression: Freudlosigkeit, Selbstzweifel, Antriebslosigkeit, - die Krankheit lege sich wie ein bleierner, düsterer Schleier über das ganze Leben. Mit Schrecken erkennt Sandra sich selbst in dieser Beschreibung wieder. Doch anders als die Mehrzahl der Betroffenen kann sie sich nicht daran erinnern, dass es ihr schon einmal wesentlich besser gegangen wäre.
So lange sie zurückdenken kann, fühlt sich die Jährige wie abgeschnitten von der Welt, hat wenig Selbstvertrauen und blickt pessimistisch in die Zukunft. Sie leidet an einer chronischen depressiven Verstimmung - einer sogenannten Dysthymie. Als Sandra M. Doch sie spricht weder auf das erste noch auf das zweite oder dritte Antidepressivum an. Der Arzt versucht, die Patientin durch Lob und Zuspruch zu motivieren, etwa Probleme am Arbeitsplatz gegenüber ihrem Chef anzusprechen.
Aber sie schildert immer wieder, sie schaffe es nicht, die Anregungen umzusetzen. Der Arzt erscheint angesichts der erfolglosen Versuche zunehmend ratlos - und das entmutigt wiederum die Patientin. Auch wenn die Medien zuweilen dieses Bild vermitteln: Depressionen treten keineswegs nur in vorübergehenden Phasen auf. Unter episodenhaften Depressionen leiden je nach Schätzung etwa 15 bis 25 Prozent aller Menschen; allerdings kann eine Depression schon in der Kindheit oder Jugend beginnen und Jahrzehnte oder sogar ein Leben lang andauern.
An einer solchen chronischen Depression leiden rund 2,5 Prozent der US-Bevölkerung, wie ein Forscherteam um den Mediziner Ronald C. Kessler von der Harvard University herausfand. Eine repräsentative Studie in Kanada kam mit 2,7 Prozent zu einem ähnlichen Ergebnis. Eine besondere Form der behandelt diese hartnäckigen Verstimmungen: das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy CBASP.
Der Psychologe James McCullough von der Virginia Commonwealth University in Richmond entwickelte das Verfahren schon Mitte der siebziger Jahre, aber erst seit dem Jahr liegt dazu auch ein praktischer Leitfaden für Psychotherapeuten vor. Der Ansatz beruht auf einer Theorie des Schweizer Psychologen Jean Piaget - , der zufolge die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten in Phasen verläuft.
Patienten mit chronischer Depression, so McCullough, verharren oftmals in einem frühen Stadium der kognitiv-sozialen und interpersonalen Entwicklung - und zwar in der sogenannten präoperatorischen Phase, die laut Piaget das zweite bis siebte Lebensjahr umfasst. McCullough berichtete, dass seine chronisch depressiven Patienten wenig in der Lage sind, die Wirkung ihres eigenen Verhaltens auf andere Menschen einzuschätzen.
Das verstärke bei ihnen den Eindruck, andere nicht beeinflussen zu können und somit ihrer Umwelt hilflos ausgeliefert zu sein. Dieser Entwicklungsstörung könnten Erfahrungen emotionaler Vernachlässigung, Misshandlung oder auch sexuellen Missbrauchs zu Grunde liegen: Einige seien in der Kindheit körperlichen oder sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen, und den meisten habe es zumindest an Zuwendung oder an verlässlichen Bezugspersonen gemangelt.
Schätzungen zufolge blicken mindestens zwei von drei chronisch depressiven Patienten auf traumatisierende zwischenmenschliche Erfahrungen in der Kindheit zurück. Doch warum bereiten solche Erfahrungen den Boden für Depressionen? Experimente haben ergeben, dass es eine "erlernte Hilflosigkeit" gibt: Wer in der Vergangenheit Demütigungen oder Verletzungen erlitten hat, ergibt sich später schneller seinem Schicksal.
Nehmen also chronisch Depressive etwa gar nicht wahr, dass sie ihr Gegenüber beeinflussen können? Diese Hypothese testeten wir in einer noch laufenden Untersuchung. Wir baten gesunde und chronisch depressive Probanden zu einem fiktiven Party-Smalltalk. Jeder Teilnehmer wählte zunächst aus vorgegebenen Sätzen einen aus, zum Beispiel eine Bemerkung über sonnige Wetteraussichten oder über eine drohende Inflation, und sollte nun vorhersagen, wie ein fiktives Gegenüber mimisch darauf reagieren würde - positiv oder negativ?
Dann legten wir unseren Versuchspersonen jeweils ein Foto vor, auf dem ein Mann entweder erfreut oder missmutig in die Kamera blickte. Zwei der insgesamt drei wechselnden nur per Foto bekannten "Gesprächspartner" zeigten stets adäquate Emotionen, zum Beispiel ein Lächeln bei guter Wettervorhersage. Einer jedoch hatte rein zufällig mal eine passende, mal eine unpassende Mimik.
Die Probanden sollen ihre fiktiven Gegenüber beurteilen: Wie vertrauenswürdig erschienen ihnen Person 1, 2 und 3? Offenbar nahmen sie die sogenannten Kontingenzen - also die Art, wie Reize und Reaktionen zusammenhingen - nicht so gut wahr wie gesunde Probanden. Anders ausgedrückt: Sie unterschieden nicht wie Gesunde zwischen Personen, auf die sie einen Einfluss hatten, und solchen, die unbeeinflussbar waren.
CBASP trainiert gezielt die Aufmerksamkeit für zwischenmenschliches Geschehen und soll den Patienten dazu verhelfen, ihren tatsächlichen Einfluss auf die Umwelt bessser wahrzunehmen und authentische Empathie zu entwickeln. Dafür bindet das Verfahren den Therapeuten auch als Mensch mit eigenen Gedanken und Gefühlen ein - anders als in der klassischen kognitiven Verhaltenstherapie. Doch der Patient überträgt seine frühen Lernerfahrungen in der Regel auf viele Menschen, unter Umständen auch auf den Therapeuten.
Das CBASP-Konzept begreift und nutzt den Behandelnden daher selbst als Reiz, der bei seinen Patienten depressive Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen auslösen kann - mit dem Ziel, fehlangepasste Reaktionsmuster zu verändern. Der Psychotherapeut lässt sich persönlich auf seine Patienten ein, indem er ihnen seine eigenen Reaktionen auf ihr Verhalten verbal zurückmeldet - in wohldosierter, kontrollierter Weise.
Im Verlauf der Therapie erfährt der Patient damit ganz real, dass sich der Therapeut anders verhält als seine prägenden Bezugspersonen in der Kindheit. Hilfe oder Verständnis brachte er kaum jemals für sie auf. Wenn die Patientin nun während einer Sitzung glaubt, einen Fehler gemacht zu haben, vergleicht sie das Verhalten ihres Vaters mit dem des Therapeuten.
Dieser unterstützt sie bei schwierigen Aufgaben, insbesondere dann, wenn sie ihn um Hilfe bittet. Anders als in der Kindheit erlebt sie heute, dass und wie sie das Verhalten ihrer Mitmenschen beeinflussen kann - und diese Erfahrung macht der Therapeut ihr ausdrücklich bewusst.
Pressespiegel | LIR Mainz: Leibniz-Institut für Resilienzforschung
CBASP-Therapeuten sollten ihre eigenen Reaktionen auf Patienten aber noch aus einem anderen Grund aufmerksam beobachten. Wenn sich chronisch Depressive passiv oder überangepasst zeigen, lösen sie damit bei ihnen häufig das komplementäre Verhalten aus - nämlich dem Patienten die therapeutische Arbeit abzunehmen.
Dieses Phänomen wird auch als "Dominanzfalle" bezeichnet: Der Patient kann in seiner passiv-distanzierten Rolle bleiben, und so hält das Verhalten des Therapeuten das Problem sogar aufrecht! Das bestätigt wiederum den Patienten in seinen Minderwertigkeitsgefühlen. Der Therapeut sollte deshalb vermeiden, reflexartig eine dominante, überaktive Rolle einzunehmen, und stattdessen dem Patienten Lernmöglichkeiten anbieten und ihn in seiner Eigenverantwortung fördern.
Ein weiterer Baustein von CBASP lehnt sich eng an die traditionelle kognitive Verhaltenstherapie an: die sogenannte Situationsanalyse. Mit Hilfe dieser Technik untersucht der Patient, wie sein Denken, Fühlen und Handeln zusammenhängen, sich auf anderen Menschen auswirkt und welche Konsequenzen daraus für ihn und seine Umwelt entstehen.
Ist das CBASP bei der Behandlung chronisch depressiver Patienten nun tatsächlich erfolgreicher als die herkömmliche kognitive Verhaltenstherapie? Das hat bislang niemand im direkten Vergleich überprüft. Allerdings ist das Verfahren wohl grundsätzlich hilfreich, wie ein Team um den Psychiater Martin B. Keller von der Brown University in Providence Rhode Island im Jahr nachwies.
Die Forscher werteten Daten von rund chronisch depressiven Probanden zwischen 18 und 75 Jahren aus, die 12 Wochen lang in Behandlung waren. Hatten die Betroffenen entweder ein Antidepressivum erhalten oder an 12 bis 16 CBASP-Sitzungen teilgenommen, verringerten sich die Symptome deutlich bei mehr als jedem zweiten Patienten. Auf eine kombinierte Behandlung sprachen sogar erstaunliche 85 Prozent der Probanden an.
Schatten der Kindheit: Wer sich in jungen Jahren von den Eltern verlassen fühlte, glaubt als Erwachsener oft, wenig Einfluss auf seine Umwelt ausüben zu können. Psychodynamisch arbeitende Psychotherapeuten hingegen gehen davon aus, dass der Patient zwischenmenschliche Konflikte auf Grund früher Lernerfahrungen auch auf seine Beziehung zum Behandelnden überträgt.
Er projiziert dabei das Verhalten prägender früher Bezugspersonen auf den Therapeuten. CBASP kombiniert beide Ansätze und nutzt die Beziehung zwischen Therapeut und Patient als Übungsfeld, in dem der Patient Unterschiede zwischen alten und neuen Erfahrungen erleben kann. Zum Inhalt springen. News Ticker Magazin Audio Account.
Für die Seele: Soforthilfe in der Krise: Psychologie Heute
Foto: Corbis. Kommentare öffnen Zur Merkliste hinzufügen Twitter Facebook E-Mail Messenger WhatsApp Link kopieren Weitere Optionen zum Teilen. E-Mail Messenger WhatsApp Link kopieren. Depression kann schon in der Kindheit beginnen Als Sandra M. Fiktiver Party-Smalltalk Der Ansatz beruht auf einer Theorie des Schweizer Psychologen Jean Piaget - , der zufolge die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten in Phasen verläuft.
Der Therapeut als Sparringpartner Die Probanden sollen ihre fiktiven Gegenüber beurteilen: Wie vertrauenswürdig erschienen ihnen Person 1, 2 und 3?
Psychisch am Ende: So kommst du aus der Krise
Dem Patienten Lernmöglichkeiten anbieten Sandra M. Die Wiedergabe wurde unterbrochen. Audio Player minimieren. Zurück zum Artikel Teilen. Twitter Facebook E-Mail Messenger WhatsApp Link kopieren. Schnell, H. Teilen Sie Ihre Meinung mit. Melden Sie sich an und diskutieren Sie mit Anmelden. Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
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