Psychologie verletzung deuten

Die verstörenden Träume begannen vor zwei Jahren. Ann war wegen eines Burnouts im Krankenhaus. In den Träumen sah sie ihren Vater, sah Szenen von physischem und psychischem Missbrauch. Es waren Rückblenden in ihre Kindheit. Sie hat drei Töchter, ist allein erziehend. Ihre Kindheit verbrachte sie in einer ostdeutschen Stadt, eine Autostunde von Berlin entfernt. Nach der Schule war sie oft allein zu Hause, aber noch schlimmer war es, wenn ihre Eltern nach Hause kamen.

Sie waren beide gewalttätig, körperlich wie seelisch. Als Teenager wurde sie mehrfach vergewaltigt. Eine enge Freundin von ihr vom eigenen Vater ermordet. Am meisten leidet die heute Jährige darunter, wie wenig sich ihre Eltern um sie kümmerten. Als sie erzählte, dass sie vergewaltigt worden war, meinte ihre Mutter, sie sei selbst schuld gewesen.

Als sie einmal von einem Auto angefahren wurde, sagte ihr Vater mitleidlos: »Steh wieder auf, ist doch alles in Ordnung. Ann erinnert sich, dass sie ein wütendes, aggressives Kind war und Schwierigkeiten hatte, ihre Gefühle zu kontrollieren und mit anderen zu kommunizieren. Als Teenager unternahm sie zwei Suizidversuche.

Als Erwachsene suchte sie das Risiko, fuhr zu schnell Auto und verspürte oft das Bedürfnis, sich selbst zu verletzen, ritzte sich die Haut auf. Manchmal wachte sie morgens mit blutigen Armen auf. Wenn Probleme auftauchen, ist sie schnell überfordert: »Ich muss sofort mit jemandem reden«, sagt sie, »sonst habe ich Angst, dass ich mir etwas antue.

Ich treffe Ann im Zentralinstitut für Seelische Gesundheit ZI , das sich über mehrere Häuserblocks im Zentrum von Mannheim erstreckt. Dort wird sie wegen einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung PTBS behandelt — schwere Symptome, die auf ein lang anhaltendes Trauma folgen — sowie wegen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung BPD , gekennzeichnet durch intensive, instabile Emotionen, ein negatives Selbstbild und Beziehungsprobleme, häufig auch Selbstverletzungen und Suizidgedanken.

Wenn Sie Hilfe benötigen, wenn Sie verzweifelt sind oder Ihnen Ihre Situation ausweglos erscheint, dann wenden Sie sich bitte an Menschen, die dafür ausgebildet sind. Dazu zählen zum Beispiel Ihr Hausarzt, Psychotherapeuten und Psychiater, die Notfallambulanzen von Kliniken und die Telefonseelsorge. Die Telefonseelsorge berät rund um die Uhr, anonym und kostenfrei unter den Nummern: und sowie per E-Mail und im Chat.

BPD und komplexe PTBS haben einiges gemeinsam, zum Beispiel Probleme mit der Emotionsregulation und dem Selbstbild. Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch darin, dass die komplexe PTBS als Reaktion auf ein Trauma beschrieben wird und die BPD nicht. Viele Menschen erfüllen die Kriterien für beide Störungen.

Inwieweit ein Trauma bei der BPD eine Rolle spielt, ist aber Gegenstand intensiver Debatten in der Psychiatrie und Psychologie. Studien zeigen, dass zwischen 30 und 80 Prozent der Menschen mit BPD die Kriterien für eine traumatische Störung erfüllen oder über frühere traumabedingte Erfahrungen berichten.

Den meisten klinischen Fachleuten zufolge, die Menschen mit BPD untersucht oder behandelt haben, hat zwar nicht jeder, bei dem diese Störung diagnostiziert wird, ein Trauma erlebt — zumindest nicht in der herkömmlichen Form.

Der abgespaltene Körper

Es gibt allerdings immer mehr Belege dafür, dass ein »Trauma« nicht eindeutig zu definieren ist: Selbst wenn die belastenden Erfahrungen nicht der Lehrbuchdefinition entsprechen, können sie bleibende Spuren im Gehirn hinterlassen und das Risiko für die Entwicklung psychischer Erkrankungen wie der BPD erhöhen. Diese Erkenntnisse stellen die Definition und Behandlung der BPD in Frage.

Einige Fachleute und Betroffene fordern, die BPD in komplexe PTBS umzubenennen. Die BPD wurde lange Zeit stark stigmatisiert — selbst von vielen Fachkräften: Sie halten die betroffenen Patientinnen und Patienten für schwierig, manipulativ und behandlungsresistent. Andere sind der Meinung, dass zwar nicht jede BPD eine komplexe PTBS ist.

Es gebe aber genug Beweise dafür, dass frühe Stressfaktoren eine Rolle bei der Entwicklung der BPD spielen, um die Störung entsprechend umzubenennen. Er erkundigte sich im Team nach ihr. Der leitende Psychiater sagte dazu nur: »Eine Borderline-Patientin, da kann man nichts machen. Entlassen Sie sie einfach.

Kurz darauf nahm sich die Frau das Leben. Der Begriff »Borderline« wurde in den er Jahren von dem deutsch-amerikanischen Psychiater Adolph Stern geprägt. Er beschrieb damit eine Grauzone zwischen Neurose — psychischen Leiden wie Depressionen und Angstzuständen — und Psychose, bei der die Menschen den Bezug zur Realität verlieren und zum Beispiel unter Halluzinationen oder Wahnvorstellungen leiden.

Diese Patienten, schrieb er, sind »mit psychotherapeutischen Methoden extrem schwer zu behandeln«. Jahrelang blieb »Borderline« ein nebulöser Begriff. Erst in den er Jahren wurde er zu einer offiziellen Diagnose. Damals untersuchte der Psychiater John Gunderson vom McLean Hospital in Massachusetts eine Gruppe von Patienten, die fälschlicherweise eine Schizophrenie diagnostiziert bekommen hatten.

Kurz darauf, im Jahr , fand die Borderline-Persönlichkeitsstörung Eingang in die dritte Ausgabe des »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« DSM , des wichtigsten Handbuchs, das Psychiater und Psychologen weltweit zu Forschungszwecken verwenden. Sie zählt dort zu den Persönlichkeitsstörungen, deren Kennzeichen charakteristische Denk- und Verhaltensmuster sind, die von den gesellschaftlichen Erwartungen abweichen und individuelle sowie zwischenmenschliche Probleme verursachen.

Die Diagnose trug dazu bei, die Grundlagen der Störung zu erforschen und die Behandlungsmethoden voranzutreiben. Langzeitstudien von Gunderson und seinen Kollegen zeigten auch, dass sich die meisten Patienten trotz der vorherrschenden Meinung, Borderline sei eine chronische, unheilbare Krankheit, letztlich doch wieder erholen.

Umstritten ist nach wie vor, wie sich Borderline zu anderen Persönlichkeitsstörungen verhält. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern könnte darauf zurückzuführen sein, dass sich Frauen eher in psychiatrische Behandlung begeben und dass bei Männern eher eine narzisstische, antisoziale oder andere Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wird. Wegen dieser und anderer Überschneidungen weisen viele Fachleute darauf hin, dass es an Belegen für eine solche Unterscheidung mangelt.

Sie plädieren stattdessen für ein so genanntes dimensionales Modell , das eine einzige, breit angelegte Diagnose »Persönlichkeitsstörung« vorsieht und unter anderem durch die Schwere der Symptome charakterisiert. Andere Experten sprachen sich vehement gegen eine Überarbeitung des bestehenden Systems aus. Zu ihnen gehörten Gunderson und Bohus.

Die neue, elfte Ausgabe der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD , des von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen Diagnosesystems, übernahm zwar ein dimensionales Modell, behielt aber eine separate Borderline-Kennzeichnung bei. Das DSM, das zuletzt überarbeitet wurde, arbeitet noch mit den alten Kategorien, bietet jedoch zusätzlich den dimensionalen Ansatz an.

Es gibt viele Unstimmigkeiten. Einige Fachleute wie Carla Sharp, Leiterin des Labors für Entwicklungspsychopathologie an der University of Houston, vertreten die Ansicht, dass sich die Merkmale der BPD nicht sehr von denen der übrigen Persönlichkeitsstörungen unterscheiden. Andere, darunter Bohus, sind der Auffassung, die BPD sei einzigartig und spezifisch mit vergangenen traumatischen Erfahrungen verbunden.

Wie solche Ereignisse zu anderen Persönlichkeitsstörungen beitragen, sei dagegen unklar. In den meisten bisherigen Studien zu Persönlichkeitsstörungen wurden Menschen mit BPD untersucht, weil sie am häufigsten Hilfe suchen. Julian Ford, klinischer Psychologe an der University of Connecticut School of Medicine, hält Traumata für eine mögliche Ursache aller Persönlichkeitsstörungen.

Borderline: Folge zwischenmenschlicher Traumata in der Kindheit: Spektrum der Wissenschaft

Welche Rolle das genau sei, dazu fehle es an Forschungsergebnissen. Bohus erinnert sich an die Zeit in seinen ersten Jahren als Psychiater am Weill Cornell Hospital in White Plains, New York. Dort war er mit zwei radikal unterschiedlichen Methoden zur Behandlung von BPD konfrontiert. Bei der einen wurden die Patienten in eine geschlossene Abteilung gesperrt und mit starken Medikamenten behandelt.

Das Klima um sie herum war feindselig und misstrauisch, und die meisten blieben ein Jahr oder länger. In der anderen war die Abteilung offen, die Atmosphäre warm und unterstützend. Die Patienten wurden ermutigt, sich gegenseitig bei der Entwicklung von Fähigkeiten zu unterstützen, die ihnen im Umgang mit ihrer Notlage helfen. Den meisten ging es nach einigen Monaten spürbar besser und sie konnten die Einrichtung verlassen.

Letztgenannte Abteilung arbeitete nach einer Methode der US-Psychologin Marsha Linehan, bei der selbst eine BPD diagnostiziert worden war. Kurz vor ihrem Schulabschluss wurde sie in eine geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik eingewiesen. Ihre Ärzte behandelten sie unter anderem mit Medikamenten, Elektroschocks, Isolation und Kältetherapie: Sie wickelten sie in kalte Decken ein und schnallten sie an ein Bett.

Linehan beschreibt diese Zeit in ihren Memoiren als »Abstieg in die Hölle«. Aber die eigene Erfahrung motivierte sie, ihr Leben der Hilfe für andere Betroffene zu widmen. Sie identifizierte die Dysregulation von Emotionen als treibende Kraft der Störung: Menschen mit BPD erleben ständig eine Achterbahn der Gefühle.

Selbst die kleinste Berührung oder Bewegung kann bei ihnen unermessliches Leid hervorrufen. Auf dieser Grundlage entwickelte Linehan eine neue Behandlung, die sie dialektisch-behaviorale Therapie DBT nannte. Der Name »dialektisch« beschreibt das Gleichgewicht zwischen Selbstakzeptanz und Veränderung von selbstschädigendem Verhalten. Klinische Studien haben gezeigt, dass die DBT einige der Symptome wie Selbstverletzungen, suizidales Verhalten und Krankenhausaufenthalte reduziert.

Als Bohus die DBT in der Praxis erlebte, erkannte er, dass sie den anderen damals verfügbaren Methoden zur Behandlung von BPD weit überlegen war. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland gründete er die erste auf DBT spezialisierte Einrichtung des Landes. Seitdem sind DBT-Kliniken in Europa und den USA weit verbreitet und wurden auch in Lateinamerika, Asien und dem Nahen Osten eingerichtet.

Sie beschrieb einen Zustand, in dem nach einem schrecklichen Ereignis Symptome wie Flashbacks, Albträume und Angstzustände auftreten. Ähnliche Beschwerden wie der im Ersten Weltkrieg beschriebene Granatenschock waren schon seit Jahrzehnten bekannt. Anfang der er Jahre schlug Judith Herman, Psychiaterin an der Harvard University, nach Sichtung der Literatur über Traumaüberlebende die Diagnose »komplexe PTBS« vor.

Sie sollte ein Bündel von Symptomen beschreiben, die nach einer extremen chronischen Belastung entstehen können, etwa wenn eine Person unter der Kontrolle einer anderen stand, wie in Gefängnissen, Arbeitslagern oder in manchen Familien. Zu den typischen Symptomen zählen Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation, instabile Beziehungen, pathologische Veränderungen der Identität und des Selbstbilds sowie selbstzerstörerisches Verhalten.

Es folgten jahrzehntelange Debatten. Lois Choi-Kain, Psychiaterin und Leiterin des McLean Hospital's Gunderson Personality Disorders Institute, erinnert sich an die heftigen Auseinandersetzungen in den frühen er Jahren. Sie spricht von zwei Lagern: denjenigen, die meinten, die PTBS werde zu Unrecht als Persönlichkeitsstörung pathologisiert, und anderen, die fanden, viele Menschen mit BPD hätten zwar ein Trauma in ihrer Vergangenheit erlebt, dies erkläre aber nicht die gesamte Störung.

Eine Kernfrage, die im Mittelpunkt dieser Debatte stand: Was gilt als Trauma? Obwohl einige Menschen mit BPD schwere traumatische Erfahrungen gemacht haben und eindeutig der komplexen PTBS-Diagnose entsprechen, trifft dies wiederum auf viele andere Betroffene nicht zu. Eine von ihnen ist die jährige Rebbie Ratner, bei der vor einem Jahrzehnt eine BPD diagnostiziert wurde.

Sie betreibt den Youtube-Kanal BorderlineNotes , um das Bewusstsein für die Erkrankung zu schärfen. Ratner hat lange nach einer Erklärung gesucht für ihren emotionalen Schmerz und eine Reihe anderer Probleme, darunter viele gescheiterte Beziehungen und eine schwere Essstörung. Sie habe auch die Diagnose einer komplexen PTBS erwogen.

Aber keines davon sei schwer wiegend genug gewesen, um die Kriterien für eine traumabedingte Störung zu erfüllen.